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Volksschul-Lehrplan ohne Volk?

Schweizerzeit vom 27.10.2017

Hektische Dynamik und viele Baustellen

von Hanspeter Amstutz, ehem. Bildungsrat, Fehraltorf ZH

Noch geniesst unsere Volksschule viel Kredit bei der Bevölkerung. Bei internationalen Vergleichen und bei der Bewertung der Lebensqualität schneidet das Schweizer Bildungssystem gut ab. Wer aber genauer auf unsere Schullandschaft blickt, der wird den Eindruck nicht los, dass überall Baustellen vorhanden sind und dauernd neue dazukommen. Es wird umgebaut, experimentiert und nachgebessert – aber zu selten wird gründlich evaluiert.

Diese hektische Dynamik hält schon seit vielen Jahren an. Wäre der «Supertanker Volksschule» nicht dank pragmatisch handelnder Lehrpersonen einigermassen auf Kurs geblieben, wären gefährliche Kollisionen wohl unvermeidbar gewesen.

Hoffnungen in den neuen Lehrplan

Auf stürmischer See ist ein verlässlicher Kompass unabdingbar. Grosse Hoffnungen wurden deshalb in den neuen Lehrplan gesetzt. Dieses wichtige Instrument sollte helfen, die Orientierung zu finden und die Bildung zwischen den Kantonen zu harmonisieren. Beim Lehrplan 21 geht es aber um wesentlich mehr als nur um inhaltliche Harmonisierung – es geht um die künftige Ausrichtung unserer Volksschule. Deshalb ist es zwingend, dass das Volk mitbestimmen kann. Haarsträubend ist dabei die Begründung, ein moderner Lehrplan sei zu komplex, um von schulinteressierten Laien beurteilt werden zu können. Da fragt man sich zu Recht, was ein Kompass soll, dessen richtungsweisende Kompassnadel offenbar nur für Experten sichtbar ist.

Fehlende Transparenz

Die Lehrplan-Experten haben es nicht geschafft, einen allgemein verständlichen und übersichtlichen Lehrplan zu schaffen. Offenbar haben die Bildungs- verantwortlichen kein Interesse an Transparenz. Nimmt man ihre höchst widersprüchlichen Lehrplan- Interpretationen zum Nennwert, wird man den Eindruck nicht los, dass die Kurssetzer selber nicht recht wissen, wohin genau die Reise geht.

Diese Ausgangslage ist beunruhigend. Der neue Lehrplan hat durchaus das Zeug, die Schule grundlegend umzugestalten, aber er kann auch so uminterpretiert werden, dass er in der Schulpraxis weitgehend wirkungslos bleibt. Vom bahnbrechenden Jahrhundertwerk bis zum teuren bürokratischen Papiertiger liegt alles drin. Und nun soll das Volk abseits stehen und die Katze im Sack kaufen? Immerhin geht es um nicht weniger als um die Zukunft unserer Volksschule.

Schulentwicklungsprogramm von grosser Sprengkraft

Als Legitimation für den Lehrplan 21 wird zu Recht die Bildungsharmonisierung angeführt. Doch dieses Anliegen wird in den nächsten Jahren ohnehin erfüllt. Viele Lehrmittelverlage arbeiten zusammen und versuchen, ihre Produkte überregional anzubieten. Kein Kanton kann es sich leisten, bei den gängigen Bildungsprogrammen abseits zu stehen und einen Sonderzug zu fahren. Etwas überspitzt könnte man sagen, dass eine sinnvolle Angleichung der Bildungsziele zwischen den Kantonen nicht mehr aufzuhalten ist.

Weshalb braucht es dann einen 370-seitigen Lehrplan mit 2’300 exakt beschriebenen Kompetenzstufen, wenn das Ziel der Bildungsharmonisierung ohnehin kurz vor der Realisierung steht? Offensichtlich geht der Lehrplan weit über den legitimierten Harmonisierungsprozess hinaus. Im Kern der Sache geht es um ein Schulentwicklungskonzept von erheblicher pädagogischer Sprengkraft.

Widersprüche zu den Harmonisierungszielen

Das Lehrplankonzept steht dabei in einem gewissen Widerspruch zu den geforderten Harmonisierungszielen. Mit dem Verzicht auf Jahresziele einerseits und fast unbegrenzter Individualisierung der Lernprozesse andererseits geht die Schere zwischen den Schülern gewaltig auseinander. So kann eine gute Fünftklässlerin bereits am Mathematikstoff der Oberstufe arbeiten, während sich ein gleichaltriger Schüler noch mit dem Stoff der dritten Klasse beschäftigt. Verstärkt wird dieses Auseinanderdriften durch die Tatsache, dass man es beim neuen Lehrplan nicht fertiggebracht hat, schwächere Schüler von unnötigem Lernballast zu befreien. Werden diese angestrebten Prinzipien eins zu eins umgesetzt, drohen Unübersichtlichkeit und eine permanente Überforderung der Lehrpersonen. Auch eine Auflösung der bisherigen Schulstrukturen ist nicht auszuschliessen.

Blankoscheck für ein kompliziertes Bildungskonzept

Ein verbindlicher Lehrplan muss einfach im Aufbau sein, in klar verständlicher Sprache die wesentlichen Bildungsziele festhalten und die Rolle der Lehrpersonen überzeugend beschreiben. Der neue Lehrplan erfüllt diese Anforderung nicht. Experimente mit einer bis ins Detail festgelegten Bildungssteuerung, wie sie im Lehrplan 21 enthalten sind, sprengen den Rahmen eines brauchbaren Bildungskompasses.

Natürlich flösst ein Riesenwerk wie der Zürcher Lehrplan 21 dem Laien einen gehörigen Respekt ein. Viele nicken resigniert, wenn von Experten behauptet wird, Lehrplanfragen seien nicht vom Volk zu entscheiden. Doch genau da liegt das grosse Missverständnis. Der neue Lehrplan ist nur so kompliziert, weil gleichzeitig neben der Harmonisierung der Bildungsziele eine bis ins Detail geregelte Bildungssteuerung initiiert wird. Dieses durch keine Volksabstimmung legitimierte Schulentwicklungskonzept überspannt den Bogen. Wird der neue Lehrplan ohne Mitsprache des Volkes durchgewinkt, kann man sich die folgenden zwei Szenarien zu dessen Umsetzung vorstellen:

Erstes Szenario: Bildungssteuerung als Rohrkrepierer

Die Überfülle an Bildungszielen und die detailversessene Steuerung von Lernprozessen haben jetzt schon in einigen Fächern zu einer Ernüchterung bei der Lehrerschaft geführt. Die Vorstellung, dass über vorgespurte Wege mit unzähligen Kompetenzstufen und Lerntests mehr Schulqualität erreicht würde, erweist sich zunehmend als Irrweg. Zwar wird immer wieder betont, dass es in erster Linie auf das Können der Lehrpersonen ankomme. Wer aber zu viel vorschreibt, entzieht den Lehrkräften viel an Eigeninitiative und hilft in keiner Weise, das pädagogische Feuer nachhaltig zu entfachen. Das Lernen konzentriert sich auf das leicht Prüfbare, während wertvolle Bildungsinhalte ausserhalb dieses Fokus vernachlässigt werden. Es ist zu befürchten, dass es so zu einer schleichenden Entmündigung der Lehrpersonen kommt.

Zweites Szenario: Lernprogramme «retten» die Schule

Eine konsequente Umsetzung der Kernidee des Lehrplans, jedem Schüler massgeschneidertes Lernen zu ermöglichen, setzt eine stark individualisierte Unterrichtsorganisation voraus. Dieses Ziel lässt sich nur mit einem Grosseinsatz von digitalen Lernprogrammen bewerkstelligen.

Weltweit tätige Bildungskonzerne sind bereits jetzt daran, Programme für alle Schulbereiche zu entwickeln. Die Zukunft scheint verlockend zu sein, doch könnte am Schluss die Rechnung ohne unsere Jugend gemacht werden. Junge Menschen lassen sich nicht einfach stundenlang vor einen Bildschirm setzen und arbeiten dann wie gewünscht.

Durch die umfassende Individualisierung erfährt die Rolle der Lehrperson eine erhebliche Veränderung. Lehrer werden zu Lernbegleitern. Das Erlebnis des gemeinsamen Lernens im Klassenverband rückt in den Hintergrund, was das wichtige soziale Verhalten kaum fördert.

Das neue Rollenverständnis widerspricht diametral der zentralen Bedeutung der Lehrperson bei Bildungsprozessen in der Volksschule; das belegt die berühmte Hattie-Studie klar.

Bildungsexperten wittern Morgenluft

Die Lehrerverbände sprechen bereits jetzt davon, dass die Lehrplansuppe nicht so heiss gegessen werde, wie sie gekocht wurde. Die Lehrpersonen müssen sich zwar in vielen Kantonen umfangreiche Weiterbildungen über den Aufbau des neuen Lehrplans anhören, aber innerlich fehlt der Glaube an das risikoreiche Reformprojekt. Doch den meisten fehlt der Mut, ihre Bedenken laut vorzubringen oder gar auf die hohen Kosten für das fragwürdige Unterfangen hinzuweisen.

Anders sieht es an den Pädagogischen Hochschulen und bei den in der Bildung tätigen Unternehmen aus. Szenario zwei mit den teuren Lernprogrammen eröffnet ihnen grossartige Perspektiven. Da kann geforscht, da können Lernlandschaften entwickelt, und da kann für gutes Geld Bildung angeboten werden.

Diese digitalen Anbieter spüren zurzeit viel Rückenwind, da ihre Entwicklungspläne bei den pädagogischen Wissenschaften teilweise grossen Anklang finden. Eine internationale Kommerzialisierung unserer Volksschule kann aber nur Nivellierung nach unten bedeuten.

Zum Glück melden sich immer mehr kritische Stimmen, welche die Kehrseite der Medaille aufzeigen. Besonnene Didaktiker erinnern daran, dass erfolgreiche Pädagogik in erster Linie die Kinder in ihrer Ganzheitlichkeit und nicht den schnellen Bildungsoutput ins Zentrum stellt.

Bildungskompass gehört vors Volk

Weichenstellungen in der Volksschule sind Sache des Volkes. Eine Bilanz über die bisherige, wenig transparente Bildungspolitik ist überfällig. Wenn sich unsere Grundausbildung weiterhin Volksschule nennen will, müssen grundlegende Kurswechsel zwingend dem Volk verständlich erklärt und zur Beurteilung vorgelegt werden. Dies auch wegen der finanziellen Konsequenzen.

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