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Kurier, amtliches Publikationsorgan der Gemeinden Dietlikon und Wangen-Brüttisellen vom 16. Oktober 2015

Es droht eine Zweiklassengesellschaft, in der gut Betuchte ihre Kinder an Privatschulen schicken

Das Volk soll über den Lehrplan 21 mitbestimmen

Die SVP lanciert eine Initiative gegen den Lehrplan 21 (LP 21). In Wangen-Brüttisellen fand dazu eine Informationsveranstaltung statt. Unter der Leitung von Reinhard Koradi, Dietlikon, erläuterte SVP-Kantonsrätin Anita Borer, Uster, die Initiative «Lehrplan vors Volk», Ursula Eichten stellte den Elternbrief «Eltern für eine gute Volksschule» vor, und Juristin Marianne Wüthrich zerpflückte den LP 21.

Die Schule und damit auch die Lehrpläne waren beim Stimmvolk schon immer heiss diskutierte Themen, sind doch alle einmal zur Schule gegangen und wollen, wenn sie selber Kinder oder Enkel haben, ein Wort mitreden. So wird heute die Zusammenarbeit Schule – Eltern denn auch höher gewichtet als noch im letzten Jahrhundert.

Die Initiative

In ihrem Einführungsreferat bezeichnete Anita Borer als Vertreterin des Initiativkomitees «Lehrplan vors Volk» den LP 21 als Werk von Bildungsbürokraten und zitierte dazu den Chefredaktor der Zeitschrift «Beobachter» vom 20. Februar 2015: «Dieser Lehrplan kann depressiv machen.» Die Initiative bemängelt, das bereits abgespeckte Konstrukt LP 21 sei auch in der dritten Version immer noch zu überladen, zudem schwammig formuliert; die wichtigsten Fertigkeiten und Grundkenntnisse werden nicht mehr konkret erwähnt. Vor allem sei der oft erwähnte Begriff «Kompetenzerwerb» zu hinterfragen. Denn etwas zu kennen, heisse noch lange nicht, dies auch zu können; die Schüler würden zur Oberflächlichkeit erzogen. Das bewährte System des Klassenlehrers werde durch den Einsatz mehrerer Lehr- und anderer Fachpersonen zusehends unterwandert, die für Kinder so wichtige Bezugsperson fehle. Und nicht zuletzt gehe mit der Einführung des LP 21 die kantonale Schulhoheit verloren.

«Eltern für eine gute Volksschule»

Der von Ursula Eichten erläuterte Elternbrief moniert, die Volksschule werde Stück für Stück abgebaut: Statt eine neue Sache gründlich einzuführen und konsequent zu üben, wird hier und dort etwas aufgepickt, wird fragwürdiges und zeitaufwändiges Selbstentdecken, Googeln und so weiter propagiert. Für jedes traditionelle Schulfach wird gezeigt, wie die früheren Lernziele verwässert werden. Die Hauptforderungen lauten denn auch: Erstens: wir wollen (wieder) eine Schule, in der unsere Kinder lernen, was sie fürs Leben brauchen. Zweitens: Wir wollen persönlich und fachlich engagierte Lehrer, die ihre Aufgabe wahrnehmen – keine Lernbegleiter oder Coaches. Drittens: Wir wollen (wieder) klare Jahrgansziele und taugliche Lehrmittel. Viertens: Wir wollen eine werteorientierte Schule.

Der ominöse Lehrplan 21

Mariannne Wüthrich, langjährige Berufsschullehrerin, hat den LP 21 gründlich durchleuchtet. Durch Training von «Kompetenzen» werde man noch lange nicht kompetent. Lerninhalte würden immer weniger systematisch, kleinschrittig und mit ausreichend vorhandenen Übungen vermittelt; durch Selbstkorrekturen (etwa mit Hilfe des Computers) oder durch Austausch gelöster Aufgaben mit dem Nachbarn (ohne Kontrolle des Lehrers)blieben die Erkenntnisse aber oberflächlich. Oft übe man zwar, einen Text flüssig zu lesen und fehlerfrei zu schreiben; frage man jedoch nach, ob einzelne Wörter oder Inhalte auch verstanden wurden, heisst es: «Das mussten wir nicht lernen.» Und kommen orthografisch schwierigere Wörter in einem anderen Kontext vor, werde die Sache ebenfalls prekär. Nicht nur Lehrbetriebe, sondern auch höhere Schulen und Universitäten klagen zunehmend über mangelhafte Kenntnisse in der Muttersprache Deutsch sowie in Mathematik.

Anstatt der Jahresziele erwähnt der LP 21 Zyklenziele: Kindergarten bis 2. Klasse, 3. bis 6. Klasse und 7. bis 9. Klasse. Und anstelle der noch gewohnten Fächerbezeichnungen gibt es schwammig formulierte Fachbereiche wie Sprachen, Mathematik, Natur/Mensch/Gesellschaft, Gestalten, Musik, Bewegung/Sport; dazu kommen Medien/Informatik und berufliche Orientierung. Aus dem Stundenplan geht nicht mehr hervor, wenn an welchem Tag dieses oder jenes Fach genau unterrichtet wird. Trotz der vielen Stunden am Computer vom Kindergarten bis zum Schulabschluss ist laut LP 21 die «blinde, perfekte Beherrschung der Tastatur nicht Ziel der Volksschule». Lehrte man noch in den 1980er-Jahren im Fach Deutsch alle zehn Wortarten und die fünf Satzglieder, werden heute von den Schulabgängern nur noch rudimentäre grammatische Kenntnisse verlangt; dafür sollen die Schüler «in einen Schreibfluss kommen und ihre Formulierungen auf ihr Schreibziel ausrichten», oder «angemessene Vorgehensweisen kennen, um Schreibblockaden zu überwinden»...

Im Fach Mathematik sind die Berufsschulen schon heute gezwungen, Stützkurse anzubieten, damit die Vermittlung des Berufsschulstoffes überhaupt möglich ist. Ist Aktivismus statt genaues inhaltliches Erfassen tatsächlich ein erstrebenswertes Ziel? Die Einführung des LP 21 würde den heute schon unbefriedigenden Zustand weiter zementieren.

Rege Diskussion

In der engagiert geführten Diskussion der rund 30 Interessierten wurde verschiedentlich auf Mängel am aktuellen Schulsystem hingewiesen – auch ein Missbehagen gegen zuviel «Kuschelpädagogik» war deutlich spürbar. Eine Mutter erzählte, die Lehrerin ihrer Tochter hätte wegen ihres themenorientierten Unterrichts zum Beispiel das Fach Deutsch während Wochen vollkommen vernachlässigt. Und die Inhaberin eines KMUs monierte, früher hätten sie in ihrem Betrieb auch Sek C-Schüler zu einem erfolgreichen Lehrabschluss bringen können; das sei nicht mehr möglich. Man hörte auch, die Schule vernachlässige ihre Kernaufgaben. Die Chancengleichheit für die Kinder sei früher besser gewesen, heute drohe eine Zweiklassengesellschaft, indem besser betuchte Eltern ihre Sprösslinge in Privatschulen mit höheren Anforderungen schickten. Der Haupttenor lautete: Ausbildung und Bildung ist die wichtigste Ressource, die unser Land hat. Daher die Hauptforderung: kehren wir zum Wesentlichen zurück, vergessen wir nicht Pestalozzis Credo «Mit Kopf, Herz und Hand». Und: eine Fremdsprache in der Primarschule ist mehr als genug. – Andererseits wurde als Positivum festgehalten, dass Jugendliche heute deutlich selbstbewusster seien.

Michael Grimmer