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Lehrbetriebe brauchen Schulabgänger, die lesen, schreiben und rechnen können

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Reformen statt Fortschritt

Journal21, 12.12.2017

Von Carl Bossard

Stunde der Wahrheit: Vergleichsstudien bescheinigen deutschen Grundschülern schlechtes Lesevermögen und mangelnde Schreibkenntnisse. Auch Schweizer Schulen sind gefordert.

Jedes fünfte Viertklass-Kind in Deutschland kann nicht richtig lesen; das zeigt die neue Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung IGLU.[1] Seit 2001 stagnieren die Leseleistungen. Andere Länder wurden besser und überholten Deutschland. In den Bereichen Rechnen, Schreiben und Zuhören seien sogar „signifikant negative Trends zu verzeichnen“, schreiben die Studienautoren eines weiteren Vergleichstests.[2]  „Bankrotterklärung für Grundschulen“, lautet das Fazit in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung FAZ. Gar von „Schule im Niedergang“ ist die Rede.[3] Ein beunruhigender, ja blamabler Befund. Er lässt aufhorchen, denn er sei „schlicht und ergreifend eine einzige Schande“, so der verantwortliche Studienleiter.

Reformen führen nicht an die Spitze

Auffallend ist die Korrelation zwischen ungenügenden Grundkenntnissen und besonders reformfreudigen Bundesländern. Dramatisch zeigt sich der Leistungseinbruch bei den Grundschülern in Baden-Württemberg. Das einstige Bildungsvorzeigeland hat seine Schulen gründlich reformiert. Heute platziert es sich nur noch knapp vor den Stadtstaaten Berlin und Bremen; sie bilden das Schlusslicht im Ranking der deutschen Schulsysteme. Die bildungskonservativen Bundesländer Bayern oder Sachsen dagegen liegen an der Spitze.[4]

Kaspar Hausers heimliche Rückkehr

Das schlechte Ergebnis lässt sich nicht monokausal erklären – und auch nicht mit der zunehmenden Heterogenität durch die Immigration. Doch es hat seine Gründe: Basiskönnen wie verstehendes Lesen, kohärentes, grammatikalisch wie orthografisch korrektes Schreiben und intensives Rechnen kamen in den vergangenen Jahren an vielen Schulen zu kurz, ebenso nachhaltiges Üben und Festigen.

Dazu kommt, dass sich Kinder heute in Lernateliers und auf Lernparcours vieles selber aneignen müssen: selbstorientiert und interessengesteuert in der Art von Autodidakten. Dabei werden die soziale Dimension des Unterrichts und der Wert des pädagogischen Bezugs zur Lehrperson vergessen. Heutige Schulkinder sind Lerner, Lernorganisator und Lernevaluator in Personalunion: moderne Kaspar Hauser-Figuren – oft auf sich allein gestellt und selbstverantwortlich für ihr Lernen.

Die Schriftsprache lautgetreu selber lernen

Deutschlands Schüler stagnieren beim Lesen auf mässigem Niveau und fallen beim Schreiben deutlich zurück. Als besonders problematisch erwiesen sich die neuen, angeblich „genialen“ Unterrichtsmethoden des Sprachenlernens. Jahrelang wurden im deutschsprachigen Raum viele Kinder mit dem Konzept „Schreiben nach Gehör" alphabetisiert, wissenschaftlich „Lesen durch Schreiben“ genannt.

Entwickelt hat dieses lautgetreue Schreiben der Schweizer Pädagoge Jürgen Reichen (1939–2009). Schüler können sich die Schriftsprache selber erarbeiten, ähnlich wie Kleinkinder das Laufen und Sprechen erlernen, lautete Reichens apodiktisches Credo. Sein Programm basiert auf einer sogenannten Anlauttabelle, dem „Buchstabentor“. Ein passendes Bildchen illustriert jeden Buchstaben. Ein Fisch zum Beispiel steht für das „F“. Das Konzept lässt die Kinder das Schreiben individuell und nach eigenem Tempo lernen. Selbstgesteuert und in Lernwerkstätten.

Mit Hilfe dieses Buchstabentors setzen sich die Schüler „alle Wörter der Welt“ aus Lauten zusammen. Will ein Kind etwa „Ballon“ schreiben, murmelt es die einzelnen Laute vor sich hin und sucht die Buchstaben aus den Bildchen der Tabelle zusammen: das „B“ von der Banane, das „A“ vom Affen und so weiter. Die Abc-Schützen schreiben nach Gehör – wie sie es vom Klang der Worte her für korrekt halten, eben: lautgetreu. Auf die Orthografie müssen sie keine Rücksicht nehmen. Vielleicht entsteht so das Wörtlein „balon“ oder nach drei bis vier Unterrichtsjahren ein Sätzlein wie: „Du kanst gut tenis spilen.“

Absolute Fehlertoleranz

Die Freude am freien Fabulieren ist oberstes Prinzip. Dabei sollen die Kinder nicht gestört werden. Niemand darf eingreifen. Wortschatz und Grammatik werden nicht beachtet. Fehlerhafte Formen gehören dazu. Sie würden sich später korrigieren; das Korrekte komme automatisch, so Reichens Annahme. Auch das Lesen soll sich dann von alleine einstellen.

Reichens Konzept wurde erst vor zwei, drei Jahren auf seine Wirkung hin untersucht. „Die Ergebnisse sind katastrophal, eigentlich müsste ‚Lesen durch Schreiben‘ sofort verboten werden“, urteilte der emeritierte Zürcher Pädagogikprofessor Jürgen Oelkers. Lautsprache und Schriftsprache sind eben zwei ganz verschiedene Systeme. Besonders benachteiligt, und das ist das Unsoziale, sind fremdsprachige Schüler und Kinder ohne Elternhilfe. Das lautgetreue Schreiben sei „keine Methode, sondern unterlassene Hilfeleistung“, schrieb die FAZ und ergänzte: „Wie eine solche haarsträubende Methode flächendeckend Eingang in die Grundschulen finden konnte, bleibt ein Rätsel.“[5]

Wer nicht schreiben kann, hat Mühe mit Lesen

Doch ist es letztlich entscheidend, ob es nun „Ballon“ oder „balon“ heisst? Leben wir nicht in Zeiten von Korrekturprogrammen und Facebook-Twitter-Blog-Kommunikation? Wer so fragt, verkennt, wie wichtig korrektes Schreiben ist. Es geht um mehr als das „ck“ oder das Dehnungs-h, es geht um mehr als richtiges und rasches Recherchieren im Internet, um mehr als eine soziale „Visitenkarte“; es geht letztlich auch ums Lesen.

Wer nicht weiss, wie man schreibt, hat Mühe mit Lesen. Er muss zeitraubend entziffern und bleibt auf der Ebene des Worterkennens stecken – und damit letztlich Analphabet. Wie so manche.

Systemversagen

Ob’s ums Lesen und Schreiben der Schweizer Kinder besser bestellt ist? Eine Studie der Universität Freiburg von 2016 lässt daran zweifeln.[6] Wer genau hinsieht und die Lehrmeister in den Betrieben fragt, weiss es schon lange: Viele Schulabgänger zeigen eklatante Schwächen im Fach Deutsch sowohl bei der Textkohärenz wie in Orthografie und Grammatik. „Viele KV-Bewerber bringen nicht den gewünschten Schulrucksack mit“, heisst es beim Ausbildungsverbund Aprentas. 2017 schieden zwei Drittel der Lehrlingsanwärter aus; sie erfüllten die Qualifikationen nicht.[7]

Dass jeder Fünfte unserer 15-Jährigen die Schule ohne die notwendigen sprachlichen Grundkenntnisse verlässt, ist schlicht ein „Systemversagen“, wie es Stefan C. Wolter, Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung, auf den Punkt bringt. Und er fügt hinzu: „Bei einer durchschnittlichen Klassengrösse von 19 Schülern können in der Schweiz bei Schulabschluss zwei bis drei Schüler pro Klasse nur unzureichend schreiben und lesen.“

Überholte pädagogische Reformen überprüfen

In Baden-Württemberg, dem einstigen Bildungsspitzenreiter unter den deutschen Bundesländern, führten die Ergebnisse zu kontroversen schulpolitischen Debatten. Dort wurde das Konzept „Schreiben nach Gehör“ bereits abgeschafft – wie vielerorts in Deutschland. Die Verantwortlichen handeln.

Wie wenig sich die Schweizer Erziehungsdirektoren um diese Problematik kümmern, zeigt beispielsweise die Reaktion des St. Galler Bildungsdirektors nach einem Gespräch mit kantonalen Wirtschaftsvertretern. Sie beklagten die mangelnden Deutschkenntnisse der Schulabgänger. Bis zu fünfzig Prozent der Bewerber bestehen den Eignungstest zur Stadtpolizei der St. Gallen nicht. Sie scheitern an der Muttersprache. Die Bildungsdirektion, so die Antwort, werde „die Deutschkenntnisse gezielt fördern“ – und mit einer „neuen Generation adaptiver Lernfördersysteme“ reagieren.[8] (8)

Vom Überprüfen modischer Methoden stand kein Wort. Zu gutem Deutsch gelangt man nicht auf diesem Weg. Da ist mehr zu tun.


[1] Anke Hussmann et al. (Hrsg.): IGLU 2016. Lesekompetenzen von Grundschulkindern in Deutschland im internationalen Vergleich. Münster: Waxmann Verlag 2017.
Die Schweiz nahm an dieser Vergleichsstudie nicht teil

[2] Petra Stanat et al. (Hrsg.): IQB-Bildungstrend 2016. Kompetenzen in den Fächern Deutsch und Mathematik am Ende der 4. Jahrgangsstufe im zweiten Ländervergleich. Münster: Waxmann Verlag 2017.
Diese Vergleichsstudie gilt als deutsches Pendant zur internationalen Pisa-Studie.

[3] Regina Mönch: Schule im Niedergang. In: FAZ, 7. Dez. 2017, Nr. 284, S. 11.

[4] Bundesweites Bildungsniveau. Grundschüler schlechter in Mathe und Deutsch. In: Spiegel Online, 10. 12. 1017

[5] Uta Rasche: Orthographie in Schulen: Schraibm nach gehöa. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 1. März 2015, Nr. 9, S.10.

[6] Sabine Kuster: Schweizer Kinder machen deutlich mehr Fehler als deutsche und österreichische. In: Aargauer Zeitung, 10. Aug. 2016

[7] Franziska Pfister: Mangel an KV-Lehrlingen nimmt zu. In: NZZaS, 18. Juni 2017, Nr. 35, S. 29.

[8] Firmenchefs fordern besseres Deutsch. In: Wiler Zeitung, 4. Dez. 2017.

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