Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Der Bund vom 11.10.2013

«Es ist nicht Aufgabe der Schule, auf das Leben vorzubereite

Von Adrian M. Moser. Aktualisiert am 11.10.2013

Der Berner Erziehungswissenschaftler Walter Herzog kritisiert den Lehrplan 21. Dass die Vermittlung von Wissen an Bedeutung verlieren solle, sei schlecht. Ausserdem warnt er vor den geplanten Vergleichstests: Diese würden viel kosten und wenig bringen.

Die Kinder sollen in der Schule künftig weniger Wissen büffeln und dafür mehr Kompetenzen lernen. Eine gute Sache, oder?
Grundsätzlich vielleicht schon. Die Schule vermittelt ja seit jeher Kompetenzen wie Schreiben, Lesen oder Rechnen. Auch im Sport geht es eher um Können als um Wissen.

Aber?
Das Problem ist, dass mit dem Lehrplan 21 der Fokus in allen Fächern auf Kompetenzen liegen soll. Zum Beispiel in Mathematik oder Geschichte gibt es Dinge, die man einfach wissen muss. Der Begriff «Kompetenz» erweckt den Eindruck von etwas, das man später, ausserhalb der Schule, eins zu eins anwenden kann. Das ist ein zu hoher Anspruch. Die Schule kann Kinder nicht auf konkrete Situationen ausserhalb der Schule vorbereiten.

Was sonst soll die Schule tun?
Viele Leute erwarten von der Schule, dass sie die Kinder auf das Leben vorbereitet. Ich zweifle daran, dass dies ihre Aufgabe ist. Die Schule ist ein geschützter Raum, wo man das Denken lernen kann und wo Wissen vermittelt wird, das nicht unbedingt direkt mit dem Leben zu tun haben muss.

Trotzdem: Tritt die Mathematiklehrerin vor die Klasse, tut sie das doch mit dem Anspruch, den Kindern etwas beizubringen, was ihnen später nützlich ist.
Natürlich. Die Frage ist aber, ob man das direkt erreichen kann. Das Ziel von Bildung ist, einer Person Wissen zu vermitteln, das sie in einem zweiten Schritt anwenden kann, zum Beispiel in einer Berufslehre.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Nehmen wir den Satz des Pythagoras. Den können Sie nicht direkt anwenden. Zuerst müssen Sie ihn verstanden haben und lernen, wie man ihn beweisen kann. Wenn das einem Kind gelingt, hat es ein Mittel, das es später anwenden kann. Wenn man das Prinzip «weniger Wissen, mehr Kompetenzen» konsequent anwendet, könnte man den Satz des Pythagoras künftig weglassen, weil man ihn nicht direkt anwenden kann. Das fände ich falsch, weil er ein wichtiges Instrument zur Entwicklung mathematischen Denkens ist.

Der Lehrplan 21 schreibt explizit vor, dass die Kinder den Satz des Pythagoras anwenden können müssen. Ausserdem gibt es in jedem Schulzimmer genügend Dreiecke, deren Seiten und Flächen die Kinder mithilfe von Pythagoras berechnen können. Das ist dann die Kompetenz: Pythagoras anwenden.
Das ist eine Möglichkeit, wie man den Begriff «Kompetenz» verstehen kann. Was man in der Schule lernt in der Schule anwenden. Man kann darunter aber auch verstehen, die Kompetenz zu haben, in der Schule Gelerntes ausserhalb der Schule anzuwenden. Das geht in vielen Bereichen, zum Beispiel beim Lesen und Schreiben. In der Geschichte zum Beispiel geht es aber um Wissen, das für unsere Kultur wichtig ist, das man aber nicht direkt anwenden kann.

Zum Beispiel?
Die Eroberung des Aztekenreichs durch Hernán Cortés. Anhand dieses historischen Ereignisses kann man vieles diskutieren. Ich wüsste aber nicht, wie man das in eine Kompetenz übersetzen könnte.

Kann es sein, dass einfach der Begriff «Kompetenz» unglücklich gewählt ist?
Das kommt hinzu. Heute wird alles irgendwie in «Kompetenz» umgeschrieben. Sogar der Sanitärinstallateur hat «Sanitärkompetenz». Nur weiss niemand genau, was damit gemeint ist.

Mit dem Lehrplan 21 erhalten die Lehrer mehr Freiheiten. Sie können selbst entscheiden, anhand welcher Inhalte sie die Kompetenzen vermitteln wollen. Finden Sie das gut?
Gestaltungsfreiraum wäre sicher gut. Ich bin aber nicht sicher, ob bei dieser Fülle von Kompetenzen, die im Lehrplan 21 aufgelistet sind, viel Spielraum bleibt.

Der Lehrplan sagt zum Beispiel, die Schüler müssten sich mit Literatur auseinandersetzen. In der Auswahl ist der Lehrer frei.
Das finde ich in dieser Extremform nicht gut. Es gibt Werke, die einfach zu unserer Kultur gehören. Wenn sich ein Schüler mit «Nathan der Weise» auseinandersetzt, lernt er auch, wie man mit religiösen Konflikten umgeht, und kann daraus etwas auf seine Person beziehen. Bildung ist immer auch Persönlichkeitsbildung. Das wird mit dem Kompetenzbegriff unterbunden.

Glauben Sie, einige Lehrer könnten diesen Freiraum nutzen, um für ihre persönliche Weltsicht zu werben?
Das kann ich nicht sagen. Was mir aber auffällt: Der Lehrplan 21 enthält viel Erzieherisches. Und dies interessanterweise nicht nur bei den sogenannten überfachlichen Kompetenzen, sondern auch innerhalb der einzelnen Fächer. Zum Beispiel lautet ein Auftrag im Fach Italienisch: «Die Schülerinnen und Schüler empfinden Unterschiede zwischen dem eigenen und dem italienischsprachigen Kulturraum als wertvoll.» Das finde ich als Ziel von Sprachunterricht ziemlich merkwürdig.

Schreibt Ihnen der Lehrplan 21 nun zu viel oder zu wenig vor?
Insgesamt zu viel. Ich erkenne darin eine starke Absicht, zu steuern, und zwar bis tief in den Unterricht hinein.

Der bernische Erziehungsdirektor Bernhard Pulver sagt, der Lehrplan 21 sei «eine Weiterentwicklung der Schule von unten» und nicht «eine Reform von oben».
Das stimmt nicht. Frühere Lehrpläne gaben Orientierung, auf einer abstrakten Ebene. Die Lehrer konnten gestalten und die Lehrmittel auswählen. Der Lehrplan 21 sagt konkret und detailliert, was der Lehrer erreichen muss. Damit ist er ein starkes Steuerungsinstrument.

Vorgesehen sind auch Vergleichsprüfungen, ein sogenanntes Bildungsmonitoring. Ist das gut?
Die Lehrer werden ihre Klasse auf die Tests vorbereiten. Deshalb besteht die Gefahr, dass sich der Unterricht nicht nach dem Lehrplan richtet, sondern nach dem Inhalt der Tests. Ich sehe ausserdem ein weiteres grosses Problem: Wenn die Tests brauchbar sein sollen, dann wird deren Entwicklung sehr teuer sein.

Was können die Tests bringen?
Wenn sie gut sind, können sie messen, ob der Unterricht das erreicht, was er soll. Aber sie zeigen nicht, weshalb das Ziel erreicht wurde oder nicht.

Christian Amsler, Präsident der Erziehungsdirektoren, versprach im «Bund» vom Mittwoch erneut, es werde trotz der Tests keine Schulrankings geben. Glauben Sie das?
Wenn, wie versprochen, nur stichprobenweise getestet wird, sehe ich keine Gefahr. Aber: Wenn es die Tests einmal gibt, sehe ich nicht ein, weshalb man sie nicht flächendeckend anwenden soll. Und dann wird es die Rankings ohne Zweifel geben.

Prof. Dr. Walter Herzog ist Direktor der Abteilung Pädagogische Psychologie am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Bern.

Nach oben
Zurück zum Kompetenzbegriff
Zurück zur Artikelübersicht