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Unsoziales individualisierendes Lernen

Individualisierende Lernformen entsprechen den Vorgaben des pädagogischen Konstruktivismus und sind verbunden mit der Rolle des Lehrers als Coach, Lernbegleiter und Animator. Dazu gehören Werkstattunterricht, Wochenplanunterricht, selbstorganisiertes Lernen (SOL), Lernen in Lernlandschaften usw. Es sind Lernformen, bei denen die Schülerinnen und Schüler auf sich gestellt und ohne direkte Anleitung durch einen Lehrer arbeiten. Sie bestimmen weitgehend selber, wann, wie und wo sie sich etwas aneignen. Die Lehrer bereiten den Lernstoff in Form von Arbeitsmaterialien vor, die sie individuell auf die einzelnen Kinder abstimmen. Im Extremfall ist auch das Arbeitsumfeld der Kinder völlig auf das individuelle Erarbeiten des Stoffes ausgerichtet. Sie arbeiten in abgegrenzten Lernboxen, vorzugsweise mit einem Tablet oder einem Laptop, sind angehalten, möglichst alle fehlenden Informationen aus dem Internet herauszulesen. Das Klassenzimmer sieht aus wie ein Grossraumbüro. Die Jahrgangsklassen-gemeinschaft ist aufgelöst und das gemeinsame Erarbeiten von Stoff kommt praktisch nicht mehr vor. Die Lehrer geben Anregungen, verweisen auf Materialien zur Vertiefung des Stoffes, leisten Hilfestellung, aber keine Erklärungen. Sie sollen auch nicht mehr korrigieren, die Schüler haben dafür Lösungsblätter und sind selber verantwortlich, ob die Aufgaben richtig gelöst sind und für das, was sie lernen. Die Lehrer haben lediglich noch die Aufgabe eines Coachs oder eines Lernbegleiters. Die Beziehung zwischen Kindern und Lehrern ist auf ein Minimum reduziert. Jede persönliche Anleitung durch Lehrer würde die Lernprozesse der Kinder beeinflussen, wäre damit direktiv und autoritär und würde die kreative, freie und autonome Entfaltung der Kinder behindern. Das gemeinsame Erarbeiten von Stoff in einer Klassengemeinschaft kommt praktisch nicht mehr vor.

Dass heute diese Lernformen sich immer weiter ausbreiten, beruht nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern auf der ideologischen Grundlage des Konstruktivismus und der Globalisierung und Ökonomisierung immer weiterer Bereiche unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Tatsächlich gibt es keine einzige wissenschaftliche Untersuchung die belegen könnte, dass individualisierender Unterricht bessere Ergebnisse bringen würde. Im Gegenteil: Die meisten Untersuchungen zeigen, dass vor allem mittlere und schwächere Schüler mit diesen Lernformen nicht zurechtkommen. Nur die leistungsstärksten Kinder bewältigen den Stoff auch mit individualisierendem Lernen: Sollen diese unsere zukünftige Elite bilden? Und was ist mit den anderen Kindern?

Weiterführende Artikel

«Kinder brauchen einen vom Lehrer strukturierten und geführten Unterricht» von Dr. med. Elke Möller-Nehring ind Zeit-Fragen vonm 31.3.2015

«Dieses selbstorganisierte Lernen besteht aus einem endlosen Ausprobieren», was Schüler über selbstorganisiertes Lernen denken, von Susanne Lienhard in Zeit-Fragen vom 6.1.2015