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Irreführender Kompetenzbegriff im Lehrplan 21

Das neue „Bildungs“verständnis des Lehrplans 21 zeigt sich daran, dass der gesamte Lerninhalt von 11 Schuljahren in Tausende sogenannter „Kompetenzen“ zerhackt wird. Den Schülerinnen und Schülern verbleiben nur einzelne Fertigkeiten, die ohne inneren Zusammenhang nebeneinander stehen. Damit entfernt sich die Schule weit vom bisherigen humanistischen Bildungsideal, dessen Ziel der freie und selbständig denkende Mensch war. Daran ändert auch die von der EDK vollzogene Abspeckung der anfänglich 5000 Kompetenzen nichts – auch nach seiner Überarbeitung listet der Lehrplan immer noch ca. 4000 Kompetenzen auf, über die die Schülerinnen und Schüler verfügen sollen, wenn sie die Volksschule verlassen.

Nur, was ist eigentlich eine Kompetenz? Im Auftrag der OECD hat der deutsche Psychologe Franz E. Weinert Kompetenz wie folgt definiert: „ die bei einem Individuum verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, durch den Willen bestimmten und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können“. Konsequenterweise beinhaltet der Lehrplan 21 die totale Fokussierung auf das Kompetenzmodell. Angestrebt wird nicht mehr das Erreichen inhaltlicher Lernziele, sondern das Erwerben messbarer Kompetenzen. Dieser grundlegende Wechsel der Lehr- und Beurteilungsstrategie ist aus mehreren Gründen umstritten:

Unserer Meinung nach ist die Reduktion auf Kompetenzen im Lehrplan ein grundsätzlich falscher Ansatz: Aufgabe der Schule muss es sein, Wissen zu vermitteln, und die Schülerinnen und Schüler in die Lage zu bringen, ihr Wissen, also das Gelernte jederzeit abrufen, auf andere Situationen übertragen und erweitern zu können. Dafür braucht es in jeder Altersstufe lösbare Aufgaben, Lehrerinnen und Lehrer, die dieses Wissen vermitteln und zum Üben und Vertiefen der gelernten Inhalte anleiten. Kompetenz hingegen zielt auf messbare Handlungen.

Wichtig ist auch zu wissen, dass der Kompetenzbegriff auf die von den USA gesteuerten OECD-Normen ausgerichtet ist. Hierbei geht es nicht um wirkliches Wissen, sondern um OECD-weit standardisiertes Können, das sich in Vergleichstests wie PISA messen lässt. Gegen Leistungsmessungen und –vergleiche ist nichts einzuwenden. Ein Staat hat ein legitimes Interesse daran, zu erfahren, was die Schüler und Schülerinnen nach der obligatorischen Schulzeit können. Doch wenn der schulische Bildungsauftrag nur noch auf Nützlichkeit, Brauchbarkeit und Prüfbarkeit – also auf Arbeitsmarktfähigkeit – ausgerichtet wird, geht ein wichtiger Gedanke verloren: Bildung und Wissen müssen notwendig die Erweiterung des geistigen und menschlichen Horizontes der Schülerinnen und Schüler beinhalten.

Offensichtlich ist das Ziel des Lehrplans 21 nicht die Verbesserung des Unterrichts, sondern die Messbarkeit der Schülerleistung. Diese Messbarkeit dient in erster Linie der Kontrolle und der Steuerung des Unterrichts in Richtung Gleichschaltung.

Wie oben ausgeführt trägt die Kompetenzorientierung nicht zu einer guten Bildung bei, deshalb lehnen wir den Lehrplan 21  entschieden ab.


Weiterführende Artikel

«Es ist nicht Aufgabe der Schule, auf das Leben vorzubereiten», von Adrian M. Moser in Der Bund vom  11.10.2013

«Der Lehrplan 21 setzt nicht mehr auf Lernen und Wissen» Interview mit Wirtschaftsprofessor Mathias Binswanger zur neuen Bildungsreform und der Demotivation der Lehrer, von Franziska Laur in Basler Zeitung vom 17.12.2013

Kompetenzorientierung – eine Kritik am Lehrplan 21, Kurzreferat am Ausbildungsplenum der PH Luzern vom 7.1.2014, von Walter Herzog

«Mit den Kompetenzen sinkt das Bildungsniveau», Warum der Didaktikprofessor Jochen Krautz den Pisa-Test abschaffen würde und was er vom selbstorganisierten Lernen hält, in Neue Zürcher Zeitung vom 14.7.2014

«Was sind eigentlich Kompetenzen?», von Claudia Wirz in Neue Zürcher Zeitung vom 14. 7. 2014

«Das Verschwinden des Wissens», Unter dem Deckmantel der «Kompetenzorientierung» hat sich eine Grundkonstellation des Erkennens und damit der Bildung glatt in ihr Gegenteil verwandelt. Von Konrad Paul Liessmann in Neue Zürcher Zeitung vom 15.9.2014

«Kompetenzorientierung am Pranger», von Rainer Werner in Zeit Fragen Nr. 8, 17.3.2015