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Lehrplan 21 – endet damit der kindgemässe Kindergarten?

Im Lehrplan 21 existiert der Kindergarten als solches nicht mehr. Denn es sind keine klaren Lernziele wie bisher nach Abschluss dieser Schulstufe aufgeführt. Der Kindergarten wurde ohne breite Abstützung der Kindergärtnerinnen kurzerhand mit den ersten 2 Primarklassen zum ersten Zyklus der 4- bis 8-Jährigen zusammengefasst. (Insgesamt ist der Lehrplan in drei Zyklen festgelegt. Nicht wie bisher für das Schuljahrende, sind Lernziele festgelegt, sondern erst am Ende eines Zyklus). Jeder wache Bürger fragt sich, ist dies die versteckte Einführung der Grund- bzw. Basisstufe am Volk vorbei? Vor drei Jahren haben die Bürger im Kanton Zürich über die Beibehaltung des bewährten Kindergartens demokratisch abgestimmt. Mit über 70 Prozent Ja-Stimmen haben sich die Zürcher gegen die Grundstufe/Basisstufe entschieden. Das Hineinmogeln des Kindergartens in den 1. Zyklus wäre eine grobe Missachtung des demokratischen Volksentscheides.

Bereits schon seit den 70er Jahren werden der Kindergarten und die Schule einer schleichenden Veränderung unterzogen. Fatale „Neuerungen“ via Aus- und Weiterbildung werden permanent in die Pädagogik hineingetragen. Dadurch hat man sich von der humanistischen Erziehung wegbewegt. Über die Einführung neuer Lehr- und Lernformen fliessen falsche Theorien ein. Eine dieser Ansichten ist, das Kind wisse selber am besten, wann und wie zu lernen sei. Die Kindergärtnerin habe sich grundsätzlich zurückzuhalten und dürfe keine Anleitung mehr geben. Oder  die Kinder müssen in der Unterrichtsform „Wochenplan“ die zu erledigenden Aufgaben selber über die Woche verteilt einteilen. Und beim spielzeugfreien Kindergarten werden die Vorschulschüler ohne Spiel- und Beschäftigungsmaterial sich selbst überlassen. Beobachtungen zeigen, dass die Kinder auf diese Weise nicht etwa selbständiger werden, sondern dass viele dabei „verloren“ wirken und orientierungslos sind.

Mit der Einführung des Lehrplan 21 werden diese Misstände nicht aufgehoben, sondern noch zementiert. Der Lehrplan entspringt einem ganz anderen Denken. Er setzt das Modell der Standardisierung der Bildung der OECD um und importiert dazu Konzepte, wie die fragwürdige Kompetenzorientierung aus Schulplänen anderer europäischer Länder.

Einen Lehrplan für die Stufe Kindergarten gäbe es mit dem Lehrplan 21 nicht mehr!

Folgendes Beispiel für diesen Paradigmawechsel verdeutlicht die Problematik: Jedes Kind soll für sich lernen, Kompetenzen erwerben. Bei den Schwerpunkten zum Kompetenzbereich Mathematik steht im Lehrplan des 1. Zyklus: „….die Kinder dürfen am eigenen Vorwissen anknüpfen – suchen eigene Wege oder Lösungen und sie tauschen ihre Erfahrungen untereinander aus. Vielfältige Angebote und Differenzierungen tragen den grossen Wissens- und Verstehensunterschieden Rechnung.“ So wird das gemeinsame Lernen aller Kinder in einer Klasse nicht mehr möglich sein, weil alle an einem anderen Punkt stehen und die Klasse nicht gemeinsam vorwärts geht. Am Ende wird kein Klassenziel erreicht. Es entsteht eine Vereinzelung, die die Kinder in ihrer Persönlichkeit schwächt. Kinder, die dem Schulstoff eigentlich problemlos folgen könnten, geraten zunehmend in schulische Schwierigkeiten. Das hat eine enorme Zunahme von heilpädagogischen Abklärungen und Fördermassnahmen zur Folge. Einige wenige Kindergartenkinder könnten je nach Wissensstand den Mathematikunterricht in der Primarschule besuchen. Diese Art der Individualisierung führt zu einem groben Mangel an Beziehung, Entmutigung, Egoismus und Vereinsamung. Zudem ist damit eine Über- oder Unterforderung einzelner Schüler vorprogrammiert.

Viele Kindergärtnerinnen wissen um die Bedeutung, die eine tragfähige Klassengemeinschaft hat. Ihre Aufgabe ist es, die Kinder dahingehend sorgfältig anzuleiten, miteinander und voneinander zu lernen. Innerhalb dieser Gemeinschaft hat die Kindergärtnerin jedes einzelne Kind mit seiner Individualität im Auge. In den zwei Jahren bis zum Schuleintritt lernen und üben die Kinder auf spielerische Weise. In kleinen Schritten entwickelt sich jedes Kind auf allen Gebieten. Singen, schneiden, kleben, ausmalen, Verse aufsagen, sich sportlich betätigen. Gerade bei Vorschulkindern erlebt man anschaulich „den Blick zum anderen Kind“, die Spontanität zum Miteinander. – “Dörf ich au mitmache. Ich möcht auch so ä Sunne baschtle.“ Es ist das Verbindende, die Gemeinsamkeit, was die Kinder zum Tun animiert. An einer gemeinsamen Aufführung (Theater, Vorsingen) für die Eltern mit der ganzen Klasse wachsen die Kinder. Mit Stolz erzählen sie davon, lernen auch zuzuhören, aufeinander einzugehen, erfahren neue Betrachtungsweisen, und üben sich im Miteinander. Gemeinsame Erlebnisse im Kreis, wie Bilderbuchbetrachtungen, Kreisspiele, Naturbetrachtungen und vieles mehr bewirken einen Klassenzusammenhalt und tragen zudem zur kindlichen Gemütsbildung bei. Eingebettet in Themen, die den Kindern nahe stehen, wie Jahreszeiten, Tiere, Bauernhof, Feuerwehr, verschiedene Berufe und Kindererlebnisse machen die Kinder ihre Lernprozesse. Die Geschichten sind dem Alter entsprechend, realitätsbezogen und damit für das Kind gut nachvollziehbar.

In gutem Einvernehmen mit den Eltern wird so die familiäre Erziehungsaufgabe im Kindergarten unterstützt und ergänzt. Auf diese Art und Weise – gemeinsam vorwärts schreiten, miteinander lernen, den Blick für den „Gschpanen“ entwickeln – wird ein gutes Fundament für die weitere Schulzeit geschaffen.

Der folgende Bericht soll noch einmal verdeutlichen, was der Lehrplan 21 für uns Kindergärtnerinnen und die Kinder und letztendlich für die Gesellschaft bedeuten würde.

„Hilfe die Schule brennt:

Melanie Capaul ist Kindergärtnerin im Kanton Aargau und 38 Jahre alt. Sie sagt, sie arbeite mit Herz und Intuition. Ihr Kindergarten soll ein Ort sein, an dem sich die Kinder geborgen fühlen. Ab und zu ein Rechenspiel macht sie gern, aber sie ist dagegen, die Kinder auf die Bedürfnisse der Wirtschaft zu trimmen. Wie alle Kindergärtnerinnen der Nordwestschweiz muss sie seit diesem Jahr einen standardisierten Lernbericht für jedes Kind ausfüllen, 72 Kreuze auf einer Skala von 1 bis 4. Die vorgegebenen Fragen behandeln Kinder wie Arbeitnehmende. «Das Kind erledigt Aufgaben termingerecht und vollständig», steht da oder «Das Kind kommt in der vorgegebenen Zeit zu einer Lösung oder einem Produkt». Capaul sagt: «Ich bin schon froh, wenn die Vierjährigen allein auf die Toilette gehen.» Beim Elterngespräch würden die Lernberichte mitunter zu grotesken Situationen führen. Anstatt dass man darüber rede, wie sich das Kind in der Gruppe verhalte oder weshalb es motorische Schwierigkeiten habe, werde über unwichtige Details diskutiert. Etwa darüber, weshalb das Kreuzchen bei der Frage «Das Kind kann auf  einem Bein stehen und hüpfen» nicht weiter rechts stehe.

Die Kinder werden schon im Chindsgi auf die Bedürfnisse der Wirtschaft getrimmt.“ (Quelle: Annabelle vom 19.11.2014)