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Abstimmung über die Initiative
«Lehrplan vors Volk» am 4. März 2018

Flyer dazu

FAQ, häufig gestellte Fragen

Es ist doch endlich an der Zeit, in der Schweiz eine gewisse Einheitlichkeit im Schulsystem zu erreichen. Das ist der Wille des Volkes, indem es 2006 den Bildungsartikel mit grossem Mehr angenommen hat.
Im Bildungsartikel steht lediglich, das Schuleintrittsalter, die Schulpflicht, die Dauer und Ziele der Bildungsstufen, deren Übergänge und  sowie die Anerkennung von Abschlüssen zu harmonisieren. Das macht auch Sinn. Am 30. Mai 2011 verkündete die Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) noch: „Bund und Kantone verständigen sich auf wenige konkrete und überprüfbare Ziele für das laufende Jahrzehnt.“ Dazu war kein gemeinsamer Lehrplan nötig. Die EDK hat also ohne Volksauftrag und eigenmächtig den Lehrplan 21 realisiert. Zentrale Fragen, wie zum Beispiel, welche Fremdsprache zuerst gelernt werden soll, wurden hingegen nicht gelöst.

Heute ist doch ein Kantonswechsel für eine grosse Zahl von Kindern eine Belastung, weil die  Zielsetzungen der kantonalen Lehrpläne nicht übereinstimmen. In einer Zeit der wachsenden Mobilität ist die Harmonisierung ein Muss, deshalb braucht es den LP21.
Tatsache ist, dass sich die Zahl der interkantonalen Wohnortswechsel gemäss der letzten Volkszählung fast halbiert hat. Die Menschen entscheiden sich angesichts der unsicheren Arbeitsplatzverhältnisse meist zum Pendeln und lassen ihre Kinder am Wohnort leben.
Grössere Schwierigkeiten entstehen am ehesten bei den unterschiedlichen Zielsetzungen in den Fremdsprachen. Aber genau in diesem Bereich versagt die erwartete Koordination durch den Lehrplan 21 völlig. Dazu schreibt der LP21 nur noch Stufenziele vor. Das führt dazu, dass nicht einmal innerhalb eines Kantons dien Kinder problemlos die Schule wechseln können.

Es ist doch ein Anachronismus, dass in einer Zeit der wachsenden Mobilität sich ein Land den Luxus von 25 verschiedenen Lehrplänen leistet.
Das entspricht nicht der Realität. Von 25 verschiedenen Lehrplänen kann gar nicht die Rede sein. Wenn ein Kanton in der Vergangenheit einen neuen Lehrplan erarbeiten liess, orientierten sich deren Fachleute immer an den Lehrplänen der anderen Kantone. Das ergab eine sehr hohe Deckungsgleichheit. Die wenigen  Unterschiede waren meist durch die vorhandenen regionalen Besonderheiten begründet. Und das ist auch richtig so.

Unser Schulsystem hat moderne Entwicklungen verpasst und muss sich im weltweiten Wettbewerb durch Reformen neu positionieren.
Im internationalen Vergleich besteht unser Schulsystem sämtliche  relevante Rankings mit Bravour. Damit gemeint sind geringe Jugendarbeitslosigkeit, PISA-Tests, Lehrlingsweltmeisterschaften, Anzahl Nobelpreise pro Kopf der Bevölkerung und die Integrationsleistung.
Eine professionelle Feedbackkultur durch SchülerInnen und Eltern erweist sich als wesentlich effizienter als alle noch so aufwändigen Testverfahren.

Lehrmeister sind froh, wenn sie mit dem LP21 endlich wieder wissen, was ihr Lehrlinge können, wenn sie bei ihnen eintreten und wieder Grundlagen im Rechnen und Deutsch haben.
Das ist eben der grosse Irrtum. Der LP21 zementiert eine Entwicklung in der Schule, die sich schon seit etwa 20 Jahren anbahnt. Die heutige Misere ist schon Resultat dieser ununterbrochenen Reformwelle, mit der unser Schulsystem nach neoliberaler Wirtschaftstheorie umgepflügt wird.

Ist mit dem LP21 ein Paradigmenwechsel verbunden oder bringt er gar nicht viel Neues?
Es stimmt beides teilweise. Frau Aeppli sprach von einem Jahrhundertwerk, das unsere Schule nachhaltig verändern werde. Der Basler Erziehungsdirektor Eymann sagte: „Für die Lehrkräfte wird sich gar nichts ändern“. Regierungsrat Amsler aus Schaffhausen sagte am 7. Nov im 10 vor 10: „Nein, dieser Lehrplan ist keine Schulreform“. Das ist nicht nur eine uneinheitliche Kommunikationsstrategie der Bildungsdirektoren und lässt die Frage offen, was der LP21 wirklich ist. Tatsächlich zementiert der LP21 eine Reform, die schon seit langem im Gange ist und deren fatale Folgen wir heute schon feststellen können. Darum sind auch die Lehrerbildung an den Pädagogischen Hochschulen und verschiedene Lehrmittel bereits mit dem LP21 auf Kurs (was wiederum zeigt, wie lange der Kurswechsel schon geplant ist und dass man davon ausging, ihn widerstandlos über die Bühne zu bringen).

Wie ist das eigentlich mit diesen Kompetenzen? Kompetent sein ist doch etwas Positives!
Der Begriff „Kompetenz“ wird tatsächlich im Alltagsverständnis positiv verstanden. Wer kompetent ist, kann etwas. Niemand weiss so ganz genau, was mit dem Kompetenzbegriff im LP21 gemeint ist. Darum muss man es genau nehmen. Der Kompetenzbegriff, auf den sich der LP21 bezieht, ist eingeengt und greift auf eine Definition zurück, wie sie der deutsche Kognitionspsychologe Franz E. Weinert im Auftrag der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) – eine Wirtschaftsorganisation - gemacht hat. Er wusste, dass sie wissenschaftlich nicht haltbar und umstritten ist. Die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) – eine Wirtschaftsorganisation - zog sie trotzdem als Masseinheit für die PISA-Tests heran und testet seither solche Kompetenzen.

Wie heisst die oft angesprochene Definition nach Franz E. Weinert, die dem Lehrplan 21 zugrunde liegt? Wo ist das Problem?
Er definierte Kompetenz als erlernbare, kognitive Fähigkeiten und Fertigkeiten des Menschen, um bestimmte Probleme zu lösen. Dazu gehören Motivation, Wille und soziale Bereitschaft, um Probleme in unterschiedlichen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll zu lösen.
Das leuchtet auf den ersten Blick ein, bei genauerem Hinschauen ist es aber sehr problematisch, denn Bildung besteht nicht nur aus Problemlösen, ist nicht nur zweckgerichtet und zielt nicht allein auf Anwendung. Eine Vielzahl schulischer Lernvorgänge in Fächern wie Deutsch, Musik, Kunst, Sport, Geschichte u.a. lassen sich damit nicht erfassen. Und es sind gerade diese Anteile des Lernens, die für die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen wichtig sind. Darum darf ein Lehrplan, der volksbildend sein soll, nicht von einer solchen Grundlage ausgehen.

Und was meint man mit Konstruktivismus?
Der Lehrplan 21 bezieht sich in seinen theoretischen Grundlagen ausdrücklich auf den Kompetenzbegriff auf den deutschen Kognitionspsychologen Franz E. Weinert. Weinert ist ein Konstruktivist. Diese Bildungstheorie oder -ideologie geht davon aus, dass es keine verbindliche Wahrheit gibt, sondern diese von jedem einzelnen konstruiert wird. Das gilt auch fürs Lernen bzw. die Bildung. Dem Lehrplan 21 liegt mit dem Konstruktivismus ein völlig neues Bildungsverständnis zugrunde, das seit PISA schleichend eingeführt wurde.

Wo ist denn der Unterschied zum bisherigen Bildungsbegriff?
Bis heute ist man in der Schweiz von einem ganzheitlichen Bildungsbegriff ausgegangen. Es geht um die Bildung der ganzen Person. Das hat einen unmittelbaren Bezug zu unserer direkten Demokratie, in deren Zusammenhang unsere Volksschule entstanden ist. Eine direkte Demokratie, wie wir sie kennen, braucht mündige Bürger, die in der Lage sind Abstimmungsfragen zu beurteilen und politische Ämter zu übernehmen und auszufüllen. Es braucht Menschen mit Verantwortungsgefühl und zwischenmenschlicher Verbundenheit. Was in der Schule gelernt wird, ist demnach nicht einfach zweckgebunden, sondern es weitet den Horizont der Kinder, führt sie in die europäische Kultur ein mit all ihren Errungenschaften. Sie bildet das Kind zu einem verantwortungsvollen, mündigen Bürger heran. Die Lehrperson ergänzt das Elternhaus und wirkt anleitend, bildend und erziehend. Der Bildungsbegriff im LP21 ist utilitaristisch und entspringt dem Neoliberalismus, der die Kinder und Jugendlichen für die Wirtschaft tauglich machen und ihr Humankapital auszuschöpfen will. Jedes Kind soll zu einem Rädchen im Wirtschaftsgetriebe herangezogen werden; die besten werden überleben, die anderen irgendeine untergeordnete Position übernehmen. Was im Grunde genommen ist als eine Form des Sozialdarwinismus

Was bedeutet der Konstruktivismus für den Lernprozess?
Aus dieser umstrittenen Ideologie leitet sich ab, dass auch das Kind sich seine Wirklichkeit selber schafft und sein Wissen selbst entdecken muss und eigenverantwortlich Lerninhalte, -ziele, -tempo festlegt. Das schliesst individualisiertes (=personalisiertes) Lernen als Methode der Wahl mit ein. Das definiert auch die Rolle der Lehrperson neu. Sie wird zum Coach und Lernbegleiter. Sie stellt die individuellen Lernumgebungen für die Kinder bereit und hält sich sonst aus der Beziehung zum Kind heraus.
Umgesetzt auf das Lernen heisst das, die Kinder lernen nicht mehr in einer Lehrer-Schüler-Beziehung, sondern anhand von Lerngelegenheiten, in Lernumgebungen, die der Lehrer gestaltet. Der Inhalt ist zweitrangig, die zu erlernende Kompetenz rückt ins Zentrum. Z.B. die Kompetenz „Die Schülerinnen und Schüler können Informationen aus Sach­ und Gebrauchstexten entnehmen.“ (D. 2.B.1.i. Sprachen  D = Deutsch, 2 =Lesen, B=Verstehen von Sachtexten). Das kann man sowohl an Hand eines Quellentextes zur Französischen Revolution machen als auch mit einer Anleitung zur Bedienung einer Spielkonsole.

Man hörte widersprüchliche Zahlen im Zusammenhang mit dem Lehrplan 21. Wie viele Kompetenzen sind es nun tatsächlich?
Es sind jetzt 363 Kompetenzen und 2300 Kompetenzstufen auf 470 Seiten. In der Überarbeitung wurden 20 % weggekürzt, wenn man aber die Weglassungen überprüft, so sind sie nicht wesentlich. Möglicherweise waren sie schon eingeplant und Teil der Durchsetzungsstrategie. Der Lehrplan blieb auch nach der Überarbeitung in seinen Grundlagen gleich und das ist entscheidend. Benedikt Weibel, ehemaliger Generaldirektor der SBB,  meinte zur geplanten Überarbeitung in der Schweiz am Sonntag vom 19.10.2014: „Wenn du das Hemd unten falsch geknöpft hast, ist es auch oben falsch geknöpft.“

Es wird immer wieder der Umfang des LP21 kritisiert. Bisherige Lehrpläne waren aber auch sehr umfangreich z.B. im Kanton BL oder im Kt. AG, der Zürcher Lehrplan hat auch fast 380 Seiten.
Das stimmt. Aber der Umfang ist nicht das Hauptproblem vom LP21. Es ist die ideologische Grundlage des Lehrplans, der Konstruktivismus und das der darin verwendete Kompetenzbegriff. Sie entsprechen nicht dem Bildungsverständnis der europäischen Bildungstradition, sondern entstammen aus dem utilitaristischen, angloamerikanischen  Schulsystem, was bekanntermassen ein denkbar schlechtes Niveau hat.

Was verändert die neue Grundlage des Lehrplans für Lehrperson und Schülerinnen und Schüler?
Die Schülerinnen und Schüler sollen sich den Lernstoff möglichst selbständig erarbeiten. Die Lehrperson hält sich im Hintergrund. Der fürs Lernen zentrale Beziehungsaspekt wird zur Nebensächlichkeit. Die Broschüre der Zürcher Bildungsdirektion „Kompetenzorientiertes unterrichten“ beschreibt das so:

  • „Die Lehrperson arrangiert eine methodisch vielfältige Lernumgebung.“ (S.22)
  • „In dieser Aufgabenstellung übernehmen die Schülerinnen und Schüler die Verantwortung für einen Lehr-Lernprozess. Sie planen den Unterricht, führen ihn durch und werten ihn aus.“ (S.22)
  • „Während der Arbeitsphase beobachten die Lehrpersonen das Unterrichtsgeschehen und erhalten dadurch Informationen über das Lernen der Schülerinnen und Schüler sowie Anregungen für die weitere Unterrichtsplanung und -gestaltung. Ein Teil dieser Beobachtungen fliesst in die Reflexion der Aufgabenstellung, die sie zusammen mit den Schülerinnen und Schülern vornehmen. (S.22)

Was ist genau mit selbstentdeckendem und selbstgesteuertem Lernen gemeint?
Damit meint man, dass die Kinder sich ihr Wissen selbst aneignen müssen. Die Lehrpersonen schaffen dazu die Lernumgebungen und Lerngelegenheiten. Das ist nichts Neues, offene Fragestellungen und selber Erfahrungen sammeln gehört auch heute schon zur Methodenvielfalt. Im LP21 ist diese Methode aber auf Grund der ideologischen Grundlagen die einzige Lernform mit der alles, auch das Basiswissen, erarbeitet werden soll. Oft erhalten die Kinder dazu bereits heute einen Wochenplan, der die abzuarbeitenden Stoffgebiete enthält. Dadurch wird der Klassenunterricht, in dem man gemeinsam den Stoff erarbeitet, zum Nebengeleise. Damit steht der LP21 in krassem Widerspruch zur längst bekannten Tatsache, dass Lernen in erster Linie ein zwischenmenschlicher Prozess ist, in dem die Lehrperson einen wichtigen Platz einnimmt. Die Bedeutung der Beziehung zwischen der Lehrperson und den Kindern wurde mit der Hattie-Studie einmal mehr belegt. Selbstorganisiertes Lernen ist für wenige Kinder vielleicht effektiv, die meisten lernen aber schlechter.

Im Lehrplan wird explizit die Methodenfreiheit erwähnt, auch wird in der überarbeiteten Form die Beziehung zwischen der  Lehrperson und den Schülerinnen und Schülern immer wieder betont.
Die Methodenfreiheit ist zwar auf dem Papier noch vorhanden. In der Schulrealität nach LP21 drängt sich jedoch ein individualisierender Unterricht mit selbstorganisiertem Lernen geradezu auf. Das entspricht der Grundauffassung des Konstruktivismus, der dem LP21 explizit zugrunde liegt. Wenn in der überarbeiteten Fassung des LP21 plötzlich die Beziehung zwischen Lehrperson und Kindern doch erwähnt wird, bleibt das wohl ein reines Lippenbekenntnis. Nach den Ergebnissen der Hattie-Studie kommt man ja nicht umhin, das zu erwähnen. Im einleitenden Kapitel zum Mathematiklehrplan wird aber die Rolle der Lehrperson klar umrissen: „Schülerinnen und Schüler lernen Mathematik wirkungsvoll durch eigenes Tun und Erfahren sowie von- und miteinander. Die Lehrerinnen und Lehrer stellen den fachlichen Rahmen her. Sie bereiten den Unterricht vor, gestalten Lernumgebungen (. . .) beobachten die Schülerinnen und Schüler, fragen nach, öffnen passende Zugänge, fordern zu Begründungen auf, klären Kernpunkte (. . .).“ (LP21, Mathematik, Didaktische Hinweise S.4)

Warum hängt ihr so am Klassenunterricht? Es ist doch gut, wenn die Begabteren mehr gefordert werden.
Auch das ist keine Erfindung des LP21. Auch heute schon werden besonders Begabte speziell gefördert, so will es u.a. das Volksschulgesetz. Es gehört seit jeher zu den pädagogisch und didaktischen Ansprüchen an die Lehrperson, allen Schülerinnen und Schülern das nötige Futter zu geben. Was aber heute völlig unterschätzt oder negiert wird, ist die Bedeutung des Klassenunterrichts, des fragend-entwickelnden Unterrichts, der auch von Hattie als wirkungsvollste Unterrichtsform bezeichnet wird. Auch hier steht der LP21 in eklatantem Gegensatz zu wissenschaftlich fundierten pädagogischen Erkenntnissen. Die Klassengemeinschaft ist eine Gesellschaft im Kleinen. Hier können alle seelischen und geistigen Fähigkeiten erworben und geübt werden, die es später zum Zusammenleben braucht.

Gibt es einen speziellen Lehrplan für den Kindergarten?
Nein, der bisherige Kindergarten gehört zum ersten Zyklus. Die Gliederung nach Zyklen im LP21 und die Zusammenfassung des Kindergartens mit den ersten beiden Schuljahren beinhaltet die Möglichkeit, auf diesem Wege die Grundstufe. Damit wird ein Volksentscheid übergangen, denn im Kanton Zürich wurde 2012 mit hohem Mehr der Erhalt des Kindergartens und der Abbruch der laufenden Grundstufenversuche beschlossen. 

Hat man schon Erfahrungen, wie die Kinder und Jugendlichen mit dem selbstorganisierten Lernen zurecht kommen?
Ja, die leistungsstarken Schüler und Schülerinnen kommen auch mit diesen Lernformen einigermassen zurecht. Viele mittlere oder schwächere bekunden grosse Mühe damit. Sie lernen nur oberflächlich, schreiben einander ab oder resignieren. Viele Eltern setzen sich stundenlang mit den Söhnen und Töchtern hin und arbeiten den Wochenplan ab. Kinder und Jugendliche, deren Eltern dazu keine Zeit haben oder auch den Unterrichtsstoff nicht kennen, geben auf. Die Chancengleichheit bleibt auf der Strecke. Viele Eltern denken heute , es liege an ihrem Kind, wenn es nicht vorwärts kommt in der Schule. Kaum jemand denkt mehr daran, dass es immer mehr an der Schule liegt, dass viele Kinder kein gutes Niveau mehr haben. Es gehört offensichtlich zu den Denkverboten, die Lehrmethoden und Lehrmittel der heutigen Schule in Frage zu stellen.

Gibt es ausserhalb der Schweiz schon Erfahrungen mit dem kompetenzorientierten und selbstorganisierten Lernen?
Ja, zum Beispiel in England und in den USA, die ihre öffentlichen Schulsysteme schon vor längerem auf diese Ideologie umgestellt haben. Das schlechte Niveau des öffentlichen Schulsystems dieser beiden Länder ist ja nachgerade bekannt. Bereits vor Jahren kamen darum englische Pädagogen und Bildungsverantwortliche in die Schweiz, um den Klassenunterricht (oder den fragend entwickelnden Unterricht wie man auch sagen kann) zu studieren, wie er damals bei uns noch sehr verbreitet war. Sie wollten ihre Lehrkräfte wieder diesbezüglich ausbilden. Und eine der führenden amerikanischen Schulreformerinnen Diane Ravitch sagt heute angesichts des angerichteten Debakels: „Ich habe mich geirrt.“ Warum sollen wir nun die gleichen Fehler auch machen?

Ist der Lehrplan 21 abgesehen von den Kompetenzen auch sonst anders aufgebaut als bisherige Lehrpläne?
Er besteht neu aus 3 Zyklen. Zyklus 1 umfasst das den Kindergarten und 1.+2. Klasse, Zyklus 2 umfasst das 3. bis 6. Schuljahr und der 3. Zyklus umfasst die Oberstufe. Im LP21 gibt es nur noch Ziele für einen ganzen Zyklus. Das heisst es wird nur noch festgelegt, was ein Schüler/ eine Schülerin nach drei bzw. vier Jahren können soll. Das war in bisherigen neueren Lehrplänen teilweise auch schon so, aber im Kanton Zürich hatte man z.B. ganz bewusst in der Mathematik Jahrgangsziele beibehalten. Mit Jahrgangszielen arbeiten alle Kinder in einem überschaubaren Zeitraum an den vorgegebenen Zielen. Dann zieht man Bilanz. Mit Zielen, die einen ganzen Zyklus umfassen wird die Schere zwischen den guten und den schwächeren Schülerinnen und Schülern immer mehr auseinander gehen. Während sich die Leistungsstarken bereits mit Inhalten der nächsten Kompetenzstufe beschäftigen, die an sich zur nächsten Klasse gehören, mühen sich Leistungsschwachen damit ab, die Mindestanforderungen zu erreichen. Das bedingt einen stark individualisierten Unterricht, in welchem alle an ihrem jeweils aktuellen Kompetenzthema arbeiten. Die Klassengemeinschaft zerfällt.

Was ist denn der Vorteil von Jahreszielen?
Für die Eltern und Lehrpersonen ist es mit Jahreszielen viel einfacher, beurteilen können, wo ein Kind steht. Sie konnten das Gespräch mit der Lehrperson frühzeitig suchen, wenn Fragen auftauchten. Probleme können auf diese Weise schneller behoben werden und die Gefahr, dass sich z.B. eine ungünstige Lerntechnik verfestigt, ist kleiner.

Wie weiss man dann, dass die Schülerinnen und Schüler die jeweiligen Kompetenzen erreicht haben?
Es wird zweifellos Tests geben, mit denen man die erreichten Kompetenzen überprüft, auch wenn das immer wieder relativiert wird. Tests sind bereits in Ausarbeitung. Der Zürcher Pädagogikprofessor Urs Moser entwickelt im Auftrag der EDK die Tests, mit denen der Output der Schulen gemessen wird. Das entsprechende Budget wurde in einem Plenarbeschluss der EDK bereits 2013 gesprochen. 2016 sollen erstmals die 9. Klassen (bzw. die 11. Schulstufe) in Mathematik geprüft werden. 2017 sollen die 6. Primarklassen (bzw. das 8. Schulstufe) in Deutsch und der ersten Fremdsprache und 2019 die 2. Primarklasse (4. Schulstufe) in Mathematik und Naturwissenschaften getestet werden. Dafür sind jährlich mehr als 1.1 Mio Fr. vorgesehen mit der Option, das Budget erhöhen zu können.

Solche Tests sind doch gar nicht schlecht. Wir bezahlen mit unsern Steuergeldern die Schulen. Dann hat die Öffentlichkeit ein Recht zu erfahren, welche Wirkungen/Leistungen mit den investierten Steuergeldern verbunden sind. Diese Messung von Wirkungen muss sich auf alle Verwaltungsbereiche beziehen. Schulen können sich da nicht ausnehmen.
Das Bildungswesen bzw. die Schulen sind keine Firmen, auch wenn das ein neoliberales Ziel ist und der Wunschtraum der Bildungskonzerne wie Bertelsmann u.a. Die Volksschule hat einen ganzheitlichen Bildungsauftrag, der weit über die Ausbildung von messbaren Fähigkeiten hinausgeht. Dies unterscheidet sie von der Berufsausbildung, wo ja die Kompetenzen mit Recht eine wichtige Rolle spielen. Die Wirkung von Bildung ist psychometrisch nicht zu erfassen. Die Nachhaltigkeit umfassender Bildung zeigt sich oft erst nach Jahren. Die geplanten Tests werden aber zweifellos ein Teaching to the Test nach sich ziehen. Das kennt man aus anderen Ländern, z.B. England und den USA. Die Schulen wollen in der Rangliste vorne sein. Das hat aber nichts mehr mit einer umfassenden (Menschen-)Bildung zu tun, wie sie der europäischen Bildungstradition entspricht.

Wie sollen künftig die Zeugnisse der Schülerinnen und Schüler aussehen?
Diese Frage sollen die Kantone lösen. Auch hier wird der Lehrplan 21 dem Anspruch der Harmonisierung nicht gerecht. Es wird jedoch für Lehrmeister noch schwieriger werden, zu beurteilen, wo ein künftiger Lehrling tatsächlich steht, was ja wiederum im Widerspruch zur vorgegebenen Harmonisierung steht. Grundsätzlich geht es eben mit dem LP21 nicht um Harmonisierung, sondern um die schleichende Einführung eines neoliberalen Bildungsmodells.

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